Der leise Hunger

Es beginnt meist nicht mit einem Knall, sondern mit einem Kratzen. Einem kaum hörbaren, kaum spürbaren Schleifen irgendwo unterhalb des Zwerchfells. Nicht laut genug, um es ernst zu nehmen, nicht schmerzhaft genug, um sich darum zu kümmern. Ein zarter, aber beharrlicher Widerstand gegen das Immergleiche. Und plötzlich ertappt man sich dabei, wie man minutenlang aus dem Bürofenster starrt, obwohl draußen nichts ist außer grauer Himmel, ein paar Tauben auf dem Fenstersims und der immer gleiche Parkplatz, auf dem immer die gleichen Autos stehen.

Veränderung. Das klingt so groß. So dramatisch. Als müsste man kündigen, auswandern, sich den Kopf rasieren oder wenigstens einen Roman schreiben, der alles auf den Kopf stellt. Aber manchmal ist Veränderung einfach nur ein Flackern – der Gedanke, dass das eigene Leben vielleicht nur ein schlecht geschnittenes Video ist, das endlos in Schleife läuft. Man isst, man schläft, man arbeitet, man lacht hier und da, aber selten aus vollem Herzen. Man scrollt. Man konsumiert. Man existiert.

Und dann diese Tage, an denen das Nichtstun schwerer wiegt als jeder Überstundenberg. An denen man nicht mehr weiß, ob man müde ist oder einfach leer. An denen der Gedanke an einen Neuanfang ebenso verlockend wie beängstigend wirkt. Man malt sich aus, wie es wäre, einfach loszugehen. Alles hinter sich zu lassen. Doch wohin? Und wofür?

Die Sehnsucht nach Veränderung ist keine einfache Reiselust. Sie ist ein Schrei nach Echtheit. Nach Lebendigkeit. Nach dem Gefühl, dass noch etwas möglich ist, dass man noch nicht völlig zugestellt ist mit Gewohnheit und Kompromiss. Dass da noch etwas wartet, jenseits von Karriereleitern, To-do-Listen und dem ewig flackernden Bildschirmlicht.

Aber wir sind müde. Und müde Menschen treffen selten mutige Entscheidungen. Also reden wir uns ein, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist. Dass wir erst das Projekt abschließen müssen, die Steuer machen, die Eltern besuchen. Irgendwann dann.

Veränderung kommt nicht, weil man sie sich wünscht. Sie kommt, weil der Zustand des Bestehenden nicht mehr tragbar ist. Weil man irgendwann mehr Angst vor dem Bleiben als vor dem Gehen hat. Weil das Kratzen unter dem Zwerchfell zur Übelkeit wird. Und dann bleibt nur noch der Sprung – ins Ungewisse, ins Unperfekte, aber vielleicht auch ins Eigene.

Vielleicht reicht schon ein erster Schritt. Eine Kündigung. Ein Kuss. Ein Nein. Ein Ja. Hauptsache, es ist echt.

Denn was ist das Leben wert, wenn es sich nur wie ein Wartezimmer anfühlt?