• Jökulsárlón

    Wir waren erst unten gewesen. Am Strand. Das Eis lag dort wie verstreut, einzelne Brocken auf schwarzem Sand. Manche kunstvoll ausgestellt wie beim Juwelier, andere dem Zufall überlassen, quer über den Strand. Das Meer hatte sie hergebracht und wieder zurückgelassen. Manche waren klein wie Fäuste, andere groß wie Tische. Alle durchsichtig, mit Adern und Einschlüssen,…

  • Der Vortrag

    Sie blickte ihn an. Teils erstaunt, teils ungläubig. Woher wusste er so viel und wo nahm er die Zeit her, sich dieses Wissen anzueignen? Sie spürte wieder dieses Unbehagen. Dieses Gefühl der Leere im Magen, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Und doch satt. Es war wie auf der Achterbahn, wenn man kurz nach…

  • Wie immer wurde nichts entschieden

    Mittwoch, kurz nach zehn. Der Konferenzraum im neunten Stock, Glas auf drei Seiten, draußen ein Himmel von der Farbe alter Spülschwämme. Die Klimaanlage summte, immer noch zu laut. Niemand hatte etwas dagegen unternommen. Er saß auf seinem üblichen Platz, rechts vom Fenster, dritter Stuhl von hinten. Vor ihm das Notebook, daneben der Kaffee aus dem…

  • Eine Haltestelle im Sommer

    Sie standen da, in der Nähe der Bushaltestelle „Kindergarten“. Quatschten, rauchten, alberten rum. Ein Nachmittag wie jeder andere. Die Luft eine Mischung aus Abgasen, Zigarettenrauch und dem letzten Rest Sommer, der sich nicht verabschieden wollte. Morgen würde die Schule wieder anfangen. Keiner sprach es aus, aber man sah es an ihren Blicken. Sie hatten sich…

  • Das Blaue vom Himmel

    Der Himmel war so blau, dass es fast unecht wirkte. Leon starrte hinauf und dachte, dass er sich nicht erinnern konnte, wann er zuletzt einfach so in den Himmel geschaut hatte. Ohne Grund. Ohne dass jemand daneben stand und fragte, was danach kommt. Neben ihm tippte Marius. Kurze, schnelle Geräusche. Immer wieder. „Glaubst du, dass…

  • Julia und das Meer

    Der Regen fällt nicht, er hängt. Zwischen den Häusern, den Straßenlaternen, den müden Gesichtern. Es ist dieser feine, unsichtbare Niesel, der nicht tropft, sondern kriecht. Durch die Ritzen der Fensterrahmen, durch die Jacken, durch die Poren. Julia steht am Fenster. Die Hände um eine Tasse Tee geschlossen, als müsse sie sich festhalten. Nicht am Porzellan, sondern am Moment selbst.

  • Die widerhallende Stille

    Die Stadt schlief nie, hieß es. Und doch war es gerade die schlaflose Stille, die Emma am meisten zu schaffen machte. Diese Stille, die nicht in Klängen, sondern in Gedanken hallte. Sie war umgeben von Menschen, von Stimmen, hupenden Autos, vibrierenden Smartphones und neonleuchtenden Angeboten von Nähe. Und doch saß sie jeden Abend allein in ihrer Wohnung, die sich trotz all des modernen Designs leer anfühlte wie ein Theater nach der letzten Vorstellung.

  • Begegnung im Wald

    Sie nickten sich zu.Eine stumme Begrüßung unter Fremden, die sich zufällig begegneten.Und doch war es mehr als das – ein kurzes Aufleuchten des Verstehens zwischen zwei Menschen, die dasselbe fühlten, ohne es benennen zu können.Ein stilles Einverständnis, vielleicht sogar ein geteiltes Unbehagen. Beide allein. Der eine spulte keuchend seine wöchentliche Lauf-Routine ab, als liefe er…

  • The Overload

    Joshua hatte vergessen, wie sich echte Stille anfühlte.

    Nicht das Schweigen zwischen zwei E-Mails. Nicht das dumpfe Rauschen der Noise-Cancelling-Kopfhörer, das vorgibt, den Wahnsinn draußen zu halten, während es in Wahrheit nur den inneren verstärkt. Sondern echte Stille.

  • FOMO

    Lily lebt das perfekte Leben. Zumindest sieht es so aus. Ihr Instagram-Feed ist eine Galerie aus Sonnenschein, Lächeln und Latte Art. Santorini im Juni, Marrakesch im Oktober, ein Retreat in den Alpen, ein Brunch in Berlin-Mitte. Alles weichgezeichnet, mit warmen Filtern und genau dosierter Selbstironie. In ihren Storys lacht sie über sich selbst, trägt Jogginghose…