Lily lebt das perfekte Leben. Zumindest sieht es so aus. Ihr Instagram-Feed ist eine Galerie aus Sonnenschein, Lächeln und Latte Art. Santorini im Juni, Marrakesch im Oktober, ein Retreat in den Alpen, ein Brunch in Berlin-Mitte. Alles weichgezeichnet, mit warmen Filtern und genau dosierter Selbstironie. In ihren Storys lacht sie über sich selbst, trägt Jogginghose mit Chanel-Slippern, spricht von „Lazy Days“, obwohl sie dabei ihren veganen Haferkeks in ein Matcha-Latte tunkt und die Kamera beiläufig auf ihre makellose Haut schwenkt. Wer auch nur flüchtig durch ihren Feed scrollt, könnte meinen, sie sei angekommen – im Leben, im Glück, bei sich selbst.
Doch nachts liegt Lily wach.
Sie starrt an die Decke, während das Licht ihres Smartphones noch auf ihre Nasenspitze fällt. Endlos scrollt sie. Immer weiter. Immer tiefer. Noch ein Reel. Noch ein perfektes Paar beim Sonnenuntergang. Noch ein Fremder, der scheinbar mehr erlebt, mehr liebt, mehr fühlt. Ihre Finger wischen mechanisch, während sich in ihrer Brust etwas zusammenzieht. Kein Schmerz, eher ein diffuses Ziehen. Wie Heimweh. Nur weiß sie nicht, wohin.
Sie nennt es FOMO, so wie alle. Fear of missing out. Aber es ist mehr als Angst. Es ist eine stille Kapitulation vor der Unvollständigkeit. Ein resigniertes Eingeständnis, dass das eigene Leben immer eine Schattenversion dessen bleibt, was möglich wäre – was andere scheinbar mühelos erreichen.
Was niemand sieht: Wie sie morgens mit aufgedunsenen Augen vor dem Spiegel steht und die Müdigkeit aus ihrem Gesicht photoshoppt. Wie sie zehn Minuten an einem Foto bastelt, das nur fünf Sekunden Aufmerksamkeit bekommt. Wie sie sich selbst verliert in der Jagd nach Bestätigung – nach Herzchen, Flammen, Reaktionen.
Lily hat das Lächeln perfektioniert. Ein leicht geöffnetes „Ich-bin-glücklich-und-nur-ein-bisschen-verpeilt“-Lächeln. Aber das echte Lächeln – das, das aus dem Bauch kommt – hat sie schon länger nicht gespürt. Vielleicht seit dem Abend, als sie mit ihren alten Freundinnen an einem kleinen Küchentisch saß, Pizza aus dem Karton aß und niemand ein Foto machte. Kein Licht, das perfekt fiel. Kein Grund, die Szene zu posten. Nur Stimmen, Wärme, schiefe Witze. Echte Nähe.
Aber diese Abende passten nicht in ihren Feed. Und was nicht gepostet wird, ist nicht passiert.
Je mehr Lily sich über andere informiert, desto weniger kennt sie sich selbst. Sie lebt in einem Panoptikum der Möglichkeiten, einem permanenten Angebot an besseren Versionen des Daseins. Und während sie durch das Leben der anderen reist, vergisst sie, in ihrem eigenen zu leben. Was sie gestern gefühlt hat, ist heute schon irrelevant, wenn es sich nicht in einen relevanten Post übersetzen lässt. Die schönen Momente verschwinden nicht, weil sie fehlen – sondern weil sie durch das ständige Vergleichen ihre Bedeutung verlieren.
Sie hat vergessen, wie sich Freude anfühlt, wenn sie nicht gestellt ist.
Es gibt Tage, da versucht sie auszubrechen. Löscht die App. Versteckt das Handy. Geht spazieren. Doch spätestens abends kommt die Leere. Der Impuls: „Was, wenn ich etwas verpasse?“ Und zack, ist sie wieder drin. In der Spirale. Im Algorithmus, der nicht nachlässt, der nicht sagt: „Genug für heute.“
Lily lebt in einem Raum zwischen Überdruss und Verlangen. Sie weiß, dass all die Bilder eine Illusion sind – und doch kann sie nicht aufhören, daran zu glauben. Wie ein Kind, das weiß, dass der Weihnachtsmann nicht existiert, aber heimlich doch hofft, ihn zu sehen.
Sie will dazugehören. Nicht zur Welt da draußen, sondern zu dieser Idee eines Lebens, das aufregend ist, leicht, bedeutungsvoll. Sie denkt oft darüber nach, ob es ihr besser gehen würde, wenn sie einfach loslassen könnte. Wenn sie wieder Tage hätte, an denen sie nichts tut – und es niemanden interessiert. Wenn ihr Wert nicht von der Resonanz anderer abhinge. Wenn sie sich selbst genug wäre.
Aber wie wird man sich selbst wieder genug, wenn man gelernt hat, nur in Reaktionen zu existieren?
In seltenen Momenten, wenn das Display schwarz bleibt und niemand etwas erwartet, keimt in ihr ein Gedanke. Zart, wie eine Erinnerung: Vielleicht ist Glück nicht das, was passiert, wenn andere es sehen. Vielleicht ist es das, was geschieht, wenn man es nicht zeigen muss.
Sie stellt sich ein Leben vor, in dem sie nicht mehr festhalten muss, was flüchtig ist. Kein Screenshot von Sonnenstrahlen auf der Bettdecke. Kein Reel vom Lächeln eines Fremden. Nur sie. Inmitten von Unschärfe, Stille, Nichtwissen. Es macht ihr Angst. Und zugleich fühlt es sich wie Freiheit an.
Am nächsten Tag postet sie ein Bild von einem leeren Stuhl auf einem Balkon. Darunter nur ein Wort: „Pause.“
Es bekommt weniger Likes als sonst. Kein Feuer-Emoji, keine Begeisterung. Nur eine alte Freundin kommentiert: „Schön. Kommst du mal wieder vorbei?“
Lily lächelt. Diesmal echt. Ohne Filter.