Sie nickten sich zu.
Eine stumme Begrüßung unter Fremden, die sich zufällig begegneten.
Und doch war es mehr als das – ein kurzes Aufleuchten des Verstehens zwischen zwei Menschen, die dasselbe fühlten, ohne es benennen zu können.
Ein stilles Einverständnis, vielleicht sogar ein geteiltes Unbehagen.
Beide allein.
Der eine spulte keuchend seine wöchentliche Lauf-Routine ab, als liefe er einer besseren Version einer selbst hinterher. Der andere spazierte mit Noise-Cancelling-Kopfhörern durch das grüne Dickicht, versunken in einem Podcast. Beide auf ihrer eigenen, stillen Mission.
Während der eine versuchte, seine Laufzeit von letzter Woche zu unterbieten, konsumierte der andere einen Podcast über Selbstoptimierung.
„Erreiche mehr in weniger Zeit“ – das war das gemeinsame Ziel, das unausgesprochene Credo dieses parallelen Alleinseins.
Beide wollten besser werden – jeder auf seinem Gebiet.
Und beide versuchten es allein. Ohne Hilfe. Ohne Austausch.
Schließlich braucht man niemanden – man muss nur ein bisschen schneller sein als gestern.
Weiterkommen.
Und in Zeiten kostenloser Podcasts oder erschwinglicher Hörbücher war es einfacher denn je, sich weiterzubilden.
Jede Pause, jeder Spaziergang an der frischen Luft wurde zur potenziellen Lehrstunde.
Man braucht keinen Lehrer mehr, keinen Coach. Nur sich selbst – und den Willen, besser zu sein als beim letzten Mal.
„It’s you vs. you yesterday.“ Ein Mantra wie aus einem Werbespot.
Kurz trafen sich ihre Blicke – Kein Lächeln, keine Geste – nur wortloses Einverständnis.
Gleichgesinnte, ohne es zu wissen.
Für einen Moment spürten sie die Einsamkeit des anderen, während ihre eigene hinter Schweigen verschwand. Beide kämpften – auf ihre Weise – gegen sich selbst.
Dann gingen sie weiter.
Der Läufer warf einen Blick auf seine Uhr.
Er hatte sein Tempo vernachlässigt, lag hinter seiner Bestzeit.
Also erhöhte er seine Schrittfrequenz.
Bis zum nächsten Anstieg musste er Zeit gutmachen – andernfalls würde ihn das letzte Stück nach Hause zermürben und seine Oberschenkel würden ihn morgen verfluchen.
Der Spaziergänger griff zum Smartphone und spulte den Podcast 30 Sekunden zurück.
Der letzte Satz war wichtig gewesen. Etwas über Pausen, aber er war abgeschweift. Mit seinen Gedanken woanders.
„Es ist die Pause, in der wir wachsen“, wiederholte der Sprecher.
Er holte tief Luft, atmete langsam wieder aus.
Die Luft roch nach feuchtem Moos, nach Ruhe, nach etwas, das es in der Stadt nicht gab.
Klarer. Weicher. Echte Luft.
So gingen sie weiter.
Zwei Menschen, die sich begegneten und gleich wieder verloren.
Sie würden einander vergessen – nicht ganz, aber fast.
Bruchstücke blieben, vage Umrisse.
Denn sie waren zu fokussiert auf ihren Fortschritt, zu beschäftigt mit dem Versuch, sich selbst zu übertreffen.
Doch irgendwo, tief in einem Zwischenraum aus Blick und Ahnung, blieb dieser Moment.
Ein Moment, in dem sie Seelenverwandte waren – vereint im gleichen stillen Schmerz.
Den stillen, zähen Kampf gegen das eigene Unvermögen, endlich genug zu sein.