Die widerhallende Stille


Die Stadt schlief nie, hieß es. Und doch war es gerade die schlaflose Stille, die Emma am meisten zu schaffen machte. Diese Stille, die nicht in Klängen, sondern in Gedanken hallte. Sie war umgeben von Menschen, von Stimmen, hupenden Autos, vibrierenden Smartphones und neonleuchtenden Angeboten von Nähe. Und doch saß sie jeden Abend allein in ihrer Wohnung, die sich trotz all des modernen Designs leer anfühlte wie ein Theater nach der letzten Vorstellung.

Emma war erfolgreich. Zumindest nach außen hin. Ihre Karriere? Blitzsauber. Ihr Feed? Kuratiert. Likes, Follower, Anfragen – alles in Bewegung, alles im Fluss. Aber in ihr selbst: Stillstand. Nein, schlimmer. Vakuum.

Es war nicht so, dass sie niemanden hatte. Es gab Kollegen, mit denen sie beim After-Work-Drink höflich lachte. Alte Freundinnen, mit denen sie sich gegenseitig „bald mal wieder sehen“ versprach. Und natürlich diese Online-Bekanntschaften, die sich in Emojis, GIFs und absichtsvoll belanglosen Sprachnachrichten erschöpften. Aber niemand war da, wenn sie nachts aufwachte und sich fragte, ob das alles gewesen sein soll.

Oft saß sie dann auf der Couch, die zu groß für eine Einzelperson war, und scrollte durch die Leben der anderen. Menschen, die scheinbar nie alleine frühstückten, deren Sonntage nach warmen Umarmungen und pochenden Herzen schmeckten. Sie likte ihre Bilder, kommentierte mit Herzchen und Flammen, während ihre eigene Tasse langsam kalt wurde. Das Klirren des Porzellans beim Abstellen war der lauteste Klang im Raum.

Einsamkeit hatte kein Gesicht, kein Hashtag, keine Filterfunktion. Sie kam still und blieb laut. Und Emma hatte gelernt, sie zu ignorieren. Zumindest tagsüber. Da war sie beschäftigt – mit Meetings, Deadlines, dem ständigen Beweisen, dass sie mehr war als nur ihr Profilbild. Doch nachts, wenn die Stadt zur Ruhe kam und ihre Gedanken lauter wurden, da klopfte die Einsamkeit an wie eine Freundin aus alten Tagen, die genau wusste, wo sie verwundbar war.

Manchmal fragte sich Emma, wann sie das letzte Mal wirklich jemandem in die Augen gesehen hatte – nicht durch einen Bildschirm, nicht durch eine Kamera, sondern wirklich gesehen, gespürt, geschmeckt. Wann hatte jemand ihre Stimme gehört, nicht ihre Meinung?

Sie funktionierte, sie performte, sie glänzte. Aber sie lebte nicht. Nicht wirklich. Ihre Wohnung war stumm, und doch schrie sie in jedem Winkel nach einem anderen Leben. Nicht dem besseren, nicht dem luxuriöseren. Einfach dem echten.

Vielleicht würde morgen jemand fragen, wie es ihr wirklich geht. Vielleicht würde sie dann ehrlich antworten. Vielleicht.

Aber heute nicht.

Heute bleibt es still. Und diese Stille widerhallt.

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