Julia und das Meer

Berlin, November.

Der Regen fällt nicht, er hängt. Zwischen den Häusern, den Straßenlaternen, den müden Gesichtern. Es ist dieser feine, unsichtbare Niesel, der nicht tropft, sondern kriecht. Durch die Ritzen der Fensterrahmen, durch die Jacken, durch die Poren. Julia steht am Fenster. Die Hände um eine Tasse Tee geschlossen, als müsse sie sich festhalten. Nicht am Porzellan, sondern am Moment selbst.

Unten auf der Straße ziehen Menschen vorbei, in Kapuzen gehüllt, stumm, gebeugt, verloren in ihren eigenen Gedankennebeln. Die Stadt atmet nicht – sie dampft. Und irgendwo dazwischen steht Julia, barfuß auf dem kalten Parkett, das Knacken des Holzes unter ihren Füßen wie ein leises Echo der Welt da draußen.

Sie trinkt nicht. Der Tee ist längst zu kühl. Aber die Wärme zwischen ihren Händen gibt ihr das Gefühl, noch da zu sein. Noch nicht ganz erstarrt.

Manchmal denkt sie, dass der November in Berlin gar kein Monat ist, sondern ein Zustand. Ein graues Schweben zwischen dem, was war, und dem, was nicht kommen will. Eine permanente Zwischenzeit, ohne Anfang, ohne Ende.

Julia atmet aus. Ihr Atem beschlägt das Glas. Für einen Moment verschwindet die Stadt. Nur sie und ihr Spiegelbild bleiben – eine Frau, die aussieht, als würde sie auf jemanden warten, der schon lange nicht mehr kommt.

Sie weiß selbst nicht, worauf sie eigentlich wartet.

Vielleicht auf den Sommer.
Vielleicht auf sich selbst.

In ihren Gedanken steht sie oft am Meer. Barfuß, mit dem Wind im Gesicht. Sie hört die Wellen, sieht, wie sie sich überschlagen, sich brechen, sich wieder fangen – als wären sie unermüdlich in dem Versuch, sich selbst zu verstehen.

Manchmal wünscht sie sich, auch sie wäre eine Welle. Einfach loslaufen, sich auflösen, wiederkehren. Immer in Bewegung, nie ganz verloren.

Doch stattdessen steht sie hier, in Berlin, in einem Wohnzimmer, das zu ordentlich ist. Zu aufgeräumt für jemanden, der innerlich so unruhig ist.

Ein Bücherregal, fast farblich sortiert. Pflanzen, die sie regelmäßig gießt, um wenigstens etwas lebendig zu halten. Und auf dem Tisch: eine Schale mit Mandarinen, die sie nie isst. Nur wegen des Geruchs. Weil er sie an Sommer erinnert. An Kindheit. An Sonne auf der Haut.

Der Tee dampft nicht mehr.

Sie denkt an den letzten Urlaub am Meer. Italien, vor drei Jahren. Das Salz auf ihrer Haut, das Brennen der Sonne, der Sand zwischen den Zehen, die leichten, salzigen Lippen. Sie erinnert sich an das Gefühl, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass der Tag nichts von ihr verlangt. Kein Termin, kein Anruf, kein Grund, stark zu sein.

Nur das Meer, das kam und ging, kam und ging, als würde es sie atmen lehren.

Damals hatte sie gelacht. Nicht laut, nicht für jemanden – einfach so. Aus sich heraus. Heute weiß sie kaum noch, wie das klingt.

Das Geräusch der Straßenbahn reißt sie aus der Erinnerung. Sie sieht das Licht vorbeiziehen, orange, verschwommen. In der Scheibe spiegelt sich das Wohnzimmer, warm beleuchtet, fast behaglich. Fast.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, hier wohne jemand, der angekommen ist.

Aber Julia ist nie angekommen.
Sie war immer nur irgendwo.

Sie geht in die Küche. Der Wasserkocher springt an, zischt, faucht. Der Lärm ist wohltuend, fast lebendig. Wieder Tee. Immer Tee. Als könnte sie sich mit Kamille oder Pfefferminze betäuben.

„Vielleicht sollte ich wegfahren“, denkt sie. Nur kurz. Ein Wochenende. An die Ostsee vielleicht. Oder einfach nach Süden, dahin, wo das Grau dünner wird.

Aber sie weiß, dass sie es nicht tun wird.
Sie wird wie immer denken, dass es gerade nicht passt. Zu viel Arbeit. Zu viel Chaos. Zu viel Leben dazwischen.

Und so bleibt sie, wo sie ist.
Wie immer.

Draußen zieht ein Windstoß durch die Straße, und der Regen klatscht gegen die Scheiben. Sie schließt die Augen. In der Dunkelheit spürt sie ihn fast – diesen anderen Wind, den vom Meer, den, der nach Salz riecht und nach Aufbruch.

Manchmal, wenn sie nachts nicht schlafen kann, stellt sie sich vor, sie stünde auf einem Steg, barfuß, allein. Unter ihr das endlose Schwarz des Wassers, über ihr der Himmel, der nichts verspricht. Und irgendwo dazwischen: sie.
Ein Teil der Leere, aber wenigstens in Bewegung.

Früher, erzählt sie manchmal Freundinnen, habe sie das Meer immer mit Freiheit verbunden. Heute denkt sie, dass das Meer eher an Einsamkeit erinnert. Weil es nie bleibt. Weil es kommt und geht, ohne zu fragen. Weil es alles verschlingt und trotzdem nichts festhält.

Vielleicht liebt sie das Meer gerade deswegen: weil es ist, wie sie ist.

Ihr Handy vibriert. Eine Nachricht von Lisa:

„Kommst du morgen mit ins Kino? Wird bestimmt schön. ♥️“

Julia liest es zweimal. Dann legt sie das Handy beiseite.
Sie will nicht antworten. Nicht jetzt. Nicht wieder dieses „Klar, gerne!“ sagen, das man nur sagt, um nicht ehrlich zu sein.

Sie weiß, dass sie hingehen könnte. Sie wüsste, was sie anziehen müsste, wie sie lachen sollte, wie sie aussehen müsste, damit niemand merkt, dass sie innerlich längst zerfranst ist.
Aber sie will nicht spielen. Nicht heute.

Heute will sie einfach nur… nichts.
Nur Meer.

Der Regen wird stärker.
Sie stellt die Tasse ab und lehnt die Stirn an die kalte Scheibe. Ihr Atem beschlägt das Glas wieder, und diesmal malt sie mit dem Finger eine Welle hinein. Eine einzige Linie, die sich krümmt, dann bricht, dann wieder aufsteigt.

Sie lächelt. Zum ersten Mal an diesem Tag.

Vielleicht, denkt sie, geht es genau darum.
Nicht darum, glücklich zu sein. Sondern darum, wieder aufzusteigen, nachdem man gebrochen ist.

Der Gedanke bleibt hängen. Wie Nebel, der nicht weichen will.

„Ich bin müde“, flüstert sie. Und meint nicht den Körper. Sie meint die Schwere in ihr, die sich festgesetzt hat, wie ein Film über den Tagen. Die Müdigkeit, die bleibt, auch wenn man acht Stunden geschlafen hat.

Sie denkt an all die Abende, an denen sie Menschen in Cafés beobachtet hat – Paare, Freunde, Lachen, Bewegung.
Und sie, die am Fenster saß und tat, als würde sie schreiben, nur um nicht zugeben zu müssen, dass sie niemanden hat, der sie ruft.

Vielleicht ist das Meer deshalb so verführerisch.
Weil es niemanden braucht.
Weil es einfach da ist.

Sie schaltet das Licht aus. Nur die Straßenlaternen beleuchten den Raum, werfen Streifen auf die Wände. Sie geht zum Sofa, zieht die Decke über sich. Der Regen lullt sie ein wie ein monotoner Herzschlag der Stadt.

In der Dunkelheit beginnt sie wieder zu träumen.

Vom Meer.
Von der Sonne, die langsam über dem Horizont auftaucht.
Vom Salz in der Luft. Vom Gefühl, dass alles leicht sein darf.

Aber in Wahrheit träumt sie nicht vom Meer.
Sie träumt von Wärme. Von Nähe.
Von jemandem, der bleibt.

Sie träumt davon, dass sie eines Tages nicht mehr nur lebt, sondern fühlt.
Dass sie lacht, ohne Grund.
Dass sie weint, ohne Scham.
Dass sie nicht länger gefangen ist in einem Leben, das so vernünftig klingt, aber so leise ist, dass man darin kaum noch atmen kann.

Vielleicht, denkt sie, während sie langsam wegdöst, braucht sie gar kein Meer.
Vielleicht braucht sie nur den Mut, wieder aufzuwachen.
Richtig aufzuwachen.

Nicht für die Arbeit. Nicht für andere.
Sondern für sich.

Am nächsten Morgen wird sie aufwachen, den Regen hören, und für einen Moment glauben, sie sei am Meer. Der Klang der Tropfen auf dem Fenstersims – wie das leise Zischen von Wellen.
Sie wird sich vorstellen, hinauszugehen, den Wind zu spüren.

Und vielleicht, nur vielleicht, wird sie an diesem Tag beschließen, es wirklich zu tun.
Ein Ticket zu buchen.
Wegzufahren.
Nicht, weil sie fliehen will.
Sondern weil sie sich selbst finden möchte.

Vielleicht wird sie am Strand stehen, das erste Mal seit Jahren, und begreifen, dass die Wellen nichts anderes sind als das Leben selbst – unruhig, unvollkommen, unendlich im Kommen und Gehen.

Und vielleicht wird sie dann lächeln.
Nicht, weil sie glücklich ist.
Sondern weil sie wieder fühlt.

Berlin bleibt zurück.
Die grauen Häuser, das kalte Licht, der Nebel.

Und Julia –
sie geht ans Meer.
Endlich.

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