Zwei Himmel, ein Traum

I. Noa

Ich wache auf, bevor die Sonne aufgeht.
Tel Aviv liegt da wie ein Körper, der zu viel erlebt hat.
Der Asphalt noch warm von gestern, der Himmel blass, fast erschöpft.
Ich höre das Meer, irgendwo hinter den Häusern, hinter dem Lärm.
Es atmet.
Ich stelle mir vor, dass auch ich so atmen könnte. Ruhig, endlos, unerschrocken.

Ich will Ärztin werden.
Ich will verstehen, was in einem Körper geschieht, wenn er heilt.
Wie ein Herz wieder schlägt, obwohl es gebrochen war.
Wie Hände nicht mehr zittern, wenn sie wissen, was sie tun.
Ich will keine Macht, nur helfen.
Doch vielleicht ist das dasselbe.

II. Layla

Ich bin schon wach, bevor die Sonne sich traut, den Rauch zu durchdringen.
Gaza liegt still, wie ein verletztes Tier, das sich nicht mehr bewegt.
Ich höre das Meer – ganz nah, und doch fern.
Ich habe gelernt, dass Nähe hier nicht bedeutet, etwas berühren zu können.
Ich sehe das Wasser, aber ich darf nicht hineingehen.
Ich weiß, dass jenseits der Wellen eine andere Welt beginnt,
in der die Menschen morgens Kaffee trinken und keine Angst haben, dass der Himmel fällt.

Ich will Ärztin werden.
Nicht, weil ich den Schmerz verstehe, sondern weil ich ihn zu lange gesehen habe.
Ich will ihn anfassen, ihn teilen, ihn vielleicht irgendwann besiegen.
Ich will lernen, was es heißt, zu retten, wenn man selbst gerettet werden müsste.

III. Zwei Leben, ein Spiegel

Zwischen uns liegen nur Kilometer. Siebzig, vielleicht weniger.
Einmal tief einatmen, und ich könnte deinen Atem hören.

Du kennst meinen Namen nicht.
Ich kenne deinen auch nicht, und doch weiß ich, dass du existierst.

Wenn du morgens in die Schule gehst, gehe ich auch.
Wenn du lachst, lacht jemand in mir mit.
Wenn du Angst hast, zu sterben,
zittert etwas in mir, das nicht weiß, warum.

Manchmal denke ich, wir sind Zwillinge,
getrennt von einem Krieg, den wir beide nie wollten,
der uns beide zu Feindinnen gemacht hat, ohne dass wir uns je gesehen hätten.

IV. Noa

In der Schule reden sie über Politik.
Über Rechte und Grenzen und Sicherheit.
Ich höre zu, und etwas in mir zieht sich zusammen.
Denn jedes Argument riecht nach Angst.
Und jeder Satz endet mit wir müssen.
Ich frage mich, wann endlich jemand sagt: wir dürfen nicht mehr.

Nachts, wenn Sirenen die friedliche Ruhe beenden,
renne ich in den Schutzraum und halte mir die Ohren zu.
Ich denke an all die Gesichter, die ich nie gesehen habe,
und frage mich, ob jemand gerade dasselbe tut wie ich.
Vielleicht du.

Ich will niemanden hassen. Ich will nur leben.
Aber ich weiß nicht, ob das hier möglich ist, ohne schuldig zu werden.

V. Layla

Ich habe aufgehört, zu zählen, wie oft der Himmel explodiert ist.
Ich habe aufgehört, mich zu ducken, wenn die Erde bebt.
Aber ich kann nicht aufhören, zu hoffen.
Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil das Hoffen leiser ist als die Angst.

In meinem Notizbuch steht:
Das Herz ist ein Muskel, aber manchmal ist es auch ein Gebet.
Ich schreibe das, wenn ich nicht weiß, was ich sonst tun soll.
Ich male Kreise, Wellen, Sterne.
Ich male ein Meer, das niemand zerstören kann.

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich in einem weißen Kittel stehe,
und dass jemand zu mir sagt: „Doktor Layla, wir haben ihn gerettet.“
Und ich lächle, und in diesem Lächeln liegt ein ganzes Land,
das für einen Moment nicht blutet.

VI. Zwei Träume, ein Himmel

Wenn du abends auf deinem Balkon stehst, Noa,
und die Luft warm ist und nach Salz riecht,
atmest du dann manchmal für uns beide?

Ich stehe oft auf meinem Dach,
wenn der Strom wieder ausgefallen ist.
Ich schaue in denselben Himmel,
und ich weiß, dass du dort irgendwo bist.
Ich stelle mir vor, dass du in die gleiche Dunkelheit siehst,
und dass du dieselbe Stille hörst.
Eine Stille, die nach Mensch klingt, nicht nach Land.

Ich glaube, dass wir uns erkennen würden,
wenn wir uns begegneten.
Ohne Worte.
Nur durch das, was in unseren Augen wohnt.

VII. Noa

Heute habe ich in den Nachrichten gesehen,
dass wieder Bomben gefallen sind.
„Selbstverteidigung“, sagen sie.
Ich schalte den Fernseher aus.

Selbstverteidigung.
Ein Wort, das klingt, als wolle man sich selbst behalten
und dabei die anderen verlieren.

Ich denke an dich, Layla,
an dich, die ich nicht kenne,
aber deren Schmerz ich spüre,
so wie man die Schwere in der Luft spürt,
bevor es regnet.

Ich will Ärztin werden,
aber manchmal frage ich mich,
ob es möglich ist, Wunden zu heilen,
die von der Geschichte selbst geschlagen wurden.

VIII. Layla

Heute ist das Krankenhaus getroffen worden.
Nicht direkt, aber nah genug.
Staub, Rauch, Sirenen, Blut.
Ich habe versucht zu helfen,
mit bloßen Händen,
angetrieben durch Verzweiflung.

Ich habe ein Kind getragen,
es war leicht, zu leicht.
Es hat mich angesehen,
als wollte es fragen: Warum?

Ich wusste keine Antwort.

Ich will Ärztin werden, aber heute weiß ich nicht,
ob ich jemals die Zeit dazu bekomme.
Ich will leben, aber heute weiß ich nicht,
ob der Himmel mich lässt.

IX. Zwei Stimmen, ein Schweigen

Eines Tages, vielleicht,
wenn alles vorbei ist,
wenn Mauern fallen und Grenzen sich auflösen
wie Salz im Meer
wirst du einen Text lesen, Noa,
über ein Mädchen aus Gaza,
das Ärztin werden wollte.

Und du wirst denken: Wir waren uns so ähnlich.
Und du wirst den Kopf senken und schweigen.

Und irgendwo,
in einem Raum aus Licht und Erinnerung,
wird Layla dich hören.
Sie wird lächeln,
nicht aus Bitterkeit, sondern aus Liebe.
Weil du weiterträumst.
Für sie.

X. Epilog

Zwei Mädchen,
ein Himmel,
ein Atemzug.

Eines lebt.
Eines bleibt.

Beide träumten von Heilung.
Und vielleicht heilt der Traum selbst.
Langsam.
Leise.
Über Grenzen hinweg.
Wie Meerwasser, das die Wunden der Erde umspült,
bis sie nicht mehr bluten, sondern glitzern.

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