Das Blaue vom Himmel

Der Himmel war so blau, dass es fast unecht wirkte. Leon starrte hinauf und dachte, dass er sich nicht erinnern konnte, wann er zuletzt einfach so in den Himmel geschaut hatte. Ohne Grund. Ohne dass jemand daneben stand und fragte, was danach kommt.

Neben ihm tippte Marius. Kurze, schnelle Geräusche. Immer wieder.

„Glaubst du, dass alle anderen wirklich wissen, was sie wollen?“ Leon fragte es in den Himmel hinein, nicht zu Marius.

„Hm.“ Tippen.

Vielleicht war das eine Antwort. Vielleicht auch nicht.

Leon dachte an gestern. Drei Stunden auf dem Platz, allein, der Ball hatte ein Geräusch gemacht das er nicht beschreiben konnte — dieses dumpfe, satte Aufkommen auf dem Asphalt, das sich irgendwo im Brustbein festsetzte. Er hatte nicht nachgedacht. Nicht einmal ein bisschen. Und dann war er nach Hause gegangen und seine Mutter hatte gefragt ob er sich schon wegen des NC informiert hatte.

NC. Als wäre das ein Wort.

„Ich meine — Tim weiß es. Sarah weiß es. Selbst Jonas, und der hat in Bio eine Vier.“ Er pausierte. „Ich weiß es nicht.“

„Was?“ Marius schaute kurz hoch.

„Nichts.“

Wieder Tippen.

Leon verschränkte die Arme. Der Himmel blieb blau. Irgendwo hinter den Bäumen hörte man Kinder, einen Hund, das ferne Quietschen einer Schaukel. Das Leben das einfach so weiterging, ohne zu fragen ob man bereit war.

War er nicht bereit? Oder war er bereit für etwas anderes?

Er wusste nicht mal, ob das ein Unterschied war.

Der Ernst des Lebens — wer hatte diesen Satz erfunden. Sein Vater benutzte ihn gerne, so beiläufig, als wäre er selbstverständlich. Der Ernst des Lebens wartet nicht. Als wäre das Leben ein Zug. Als müsste man einsteigen, sonst stand man auf dem Bahnhof und schaute dem Zug nach bis er verschwunden war.

Aber was, wenn man den falschen Zug nahm.

„Marius.“

„Hm.“

„Wenn du nicht wüsstest was du willst — was würdest du tun?“

Tippen. Dann, ohne aufzuschauen: „Keine Ahnung. Irgendwas halt.“

Irgendwas halt.

Er drehte den Satz um. Betrachtete ihn von allen Seiten. Irgendwas war besser als nichts, das stimmte wahrscheinlich. Aber irgendwas konnte auch alles sein. Oder nichts. Oder genau das Falsche.

Er dachte an den Platz. An gestern, an vorgestern, an jeden Nachmittag seit dem letzten Prüfungstag. Der Ball in den Händen, der Asphalt unter den Schuhen, und dieser eine Moment kurz vor dem Wurf — alles still, alles klar. Keine Fragen. Nur die Flugbahn.

Zu klein. Nicht schnell genug. Den Satz kannte er auswendig, er hatte ihn sich so oft gesagt, dass er sich nicht mehr wie ein Gedanke anfühlte. Eher wie eine Narbe. Man tastet sie ab und weiß: da war mal was.

Rechnungen. Das Wort kam aus dem Nichts und blieb.

Sein Vater zahlte Rechnungen. Sein Vater stand morgens um sechs auf und fuhr eine halbe Stunde zur Arbeit und kam abends um halb sieben zurück und fragte nie, ob ihm das Leben gefiel. Vielleicht hatte er das irgendwann aufgehört zu fragen. Vielleicht war das der Moment, den alle den Ernst des Lebens nannten — nicht ein Ereignis, sondern ein Aufhören.

Leon wollte nicht aufhören.

Aber er wusste nicht, womit er anfangen sollte.

Neben ihm tippte Marius. Kurze, schnelle Geräusche. Immer wieder.

Warum war das so schwer.

Er dachte an einen Film, den er als Kind gesehen hatte. Er erinnerte sich nicht mal mehr an den Titel. Nur an das Gefühl danach — dieses warme, vollständige Gefühl, als wäre alles an seinem richtigen Platz. Als hätte die Welt eine Logik, der man vertrauen konnte.

Das hier hatte keine Logik.

Er sah seinen Vater vor sich. Freitagabend, Fernsehsessel, Augen die schon zumachen bevor die Sendung anfängt. Samstag Einkaufen, Sonntag Rasen. Nicht weil er es wollte. Einfach weil es das Nächste war, was kam. Und dann Montag. Immer wieder Montag.

Leon fragte sich, wann sein Vater aufgehört hatte zu fragen.

Ob er überhaupt je gefragt hatte.

Ob er selbst, in zwanzig Jahren, auf einem anderen Sofa sitzen würde und sich nicht mehr erinnern konnte, wann er aufgehört hatte.

Der Gedanke saß ihm irgendwo unter dem Brustbein. Nicht schmerzhaft. Nur schwer.

Neben ihm Marius und sein Smartphone. Leon schaute kurz rüber. Das Display warf ein blasses Licht auf sein Gesicht. Er wirkte zufrieden. Oder einfach abwesend. Leon konnte den Unterschied gerade nicht erkennen.

Vielleicht sollte er mehr wie Marius sein.

Er schaute ihn an. Marius tippte, scrollte, tippte wieder. Kein Zögern. Keine erkennbare Last.

Vielleicht dachte er einfach nicht so viel nach. Vielleicht war das das Geheimnis — nicht weniger fühlen, sondern weniger fragen. Einfach das Nächste tun. Und wenn es nicht passte, das übernächste.

Leon wusste nicht ob das Freiheit war oder nur ein anderer Name für dasselbe Treiben.

Wahrscheinlich würde Marius irgendwann irgendetwas machen. Einen Job annehmen, kündigen, einen anderen annehmen. Weitergehen wenn es schwierig wurde. Leon konnte sich nicht entscheiden ob er das bewunderte oder ob ihm dabei unwohl wurde.

Vielleicht beides.

„Marius.“

„Hm.“

„Bist du eigentlich glücklich?“

Marius schaute hoch. Zum ersten Mal seit einer Weile. Er sah Leon an als hätte er ihn gerade erst bemerkt.

„Was?“

„Nichts“, sagte Leon. „Vergiss es.“

Marius schaute wieder auf sein Display.

Leon wandte sich ab. Der Himmel war immer noch blau. Ungerührt und gleichmäßig, als wäre das eine Antwort.

Er stand auf. Einfach so, ohne dass er es geplant hatte.

Der Ball lag unter der Bank. Er hatte ihn die ganze Zeit vergessen. Er nahm ihn, wog ihn kurz in den Händen — dieses vertraute, dumpfe Gewicht.

„Los, Marius. Freiplatz. Die anderen sind vielleicht auch da.“

Marius schaute hoch. Zum ersten Mal ohne Verzögerung. „Endlich. Ich dachte, wir sitzen hier bis wir Rente kriegen.“ Er stand auf, steckte das Handy ein. „Anna ist übrigens auch da. Dann kannst du ihr wieder deine Ballkünste vorführen.“

Er stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. Dieser Blick, sorglos, unbelastet, als wäre die Welt eine Sache die man einfach nahm wie sie kam. Nur Marius konnte so schauen.

Leon lachte. Kurz, echt.

Sie gingen. Der Himmel blieb blau hinter ihnen.

Leon wusste, dass die Fragen heute Nacht wiederkommen würden. Im Bett, Decke anstarren, alles von vorne. Aber jetzt nicht.

Jetzt der Ball. Jetzt der Platz.

Das reichte.

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