The Overload

The Overload

Joshua hatte vergessen, wie sich echte Stille anfühlte.

Nicht das Schweigen zwischen zwei E-Mails. Nicht das dumpfe Rauschen der Noise-Cancelling-Kopfhörer, das vorgibt, den Wahnsinn draußen zu halten, während es in Wahrheit nur den inneren verstärkt. Sondern echte Stille. Die Art, bei der einem das Herz in der Brust wie ein fehlplatziertes Metronom vorkommt, weil sonst nichts mehr tickt.

Er lebte in einem Gewirr aus Fenstern, Tabs, Benachrichtigungen, To-do-Listen, Kalendererinnerungen und Slack-Pings. Ein Software-Ingenieur, irgendwo zwischen DevOps und Burnout. Sein Tageslicht kam von zwei 27-Zoll-Monitoren, die seine blasse Haut mit der Farbtemperatur eines fehlerhaften RGB-Codes bestrahlten. Er programmierte Funktionen, die er selbst nie benutzte, und fixte Bugs in Systemen, die keiner wirklich verstand. Arbeit am Puls der Zeit. Oder eher: Arbeit im Kammerflimmern der Gegenwart.

Nach außen war er effizient. Schnell. Unkompliziert. Ein Rockstar-Entwickler, wie es in den Jobanzeigen hieß. Intern war er ein verrotteter Datensatz.

Der Zusammenbruch kam nicht spektakulär. Keine Tränen. Kein Schreien. Kein episches Wegwerfen eines Laptops, wie man es aus Filmen kennt. Nein. Es war ein Dienstag. 15:23 Uhr. Joshua klickte auf ein Pull-Request-Review und las die Worte „Bitte semantische Commits verwenden.“ Und da geschah es.

Nichts.

Er saß einfach da. Die Maus in der Hand. Der Zeigefinger schwebte über dem Klick – und bewegte sich nicht mehr. Wie eingefroren. Wie ein schlecht gecachter Frame in einem Game, das kurz vorm Absturz steht.

Fünfzehn Minuten später schaltete er den Bildschirm aus. Dann den zweiten. Dann den dritten. Zum ersten Mal seit Jahren sah er seinen eigenen Schreibtisch ohne flackernde Icons.

Am Abend stand er im Flur seiner Wohnung. Der Türrahmen fühlte sich an wie die Grenze eines fremden Landes. Seine Finger lagen auf dem Lichtschalter. „Einfach rausgehen“, flüsterte etwas in ihm. Ein Gedanke, so leise wie das Geräusch eines Smartphones mit stummgeschaltetem Vibrationsalarm auf einem Teppichboden. Und doch hallte es in ihm nach.

Er ging.

Ohne Handy. Ohne Laptop. Ohne Smartwatch. Nur er. Und der Wind, der überraschend kalt war für Mai. Auf der Straße roch es nach nassem Beton und abgestandenem Fast Food. Schön war das nicht, aber irgendwie real.

Joshua lief. Einfach so. Ohne Ziel. Seine Beine fühlten sich seltsam leicht an, vielleicht, weil sie nicht mehr unter dem Gewicht eines 60-Stunden-Wochen-Daseins wankten. Vielleicht, weil sie zum ersten Mal nicht in Richtung eines Arbeitsplatzes oder Supermarkts gingen.

Irgendwann saß er auf einer Parkbank. Neben ihm lag ein halb gegessenes Brötchen, das ein Vogel interessiert beäugte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er nichts zu tun. Keine Deadline, kein Sprint-Planning, kein Feedback-Call mit irgendwem aus London, Berlin oder Bangalore. Nur sein Atem. Der Wind. Und das gelegentliche Zucken in seiner rechten Augenbraue, das sich langsam verabschiedete, je länger er in dieser merkwürdigen Stille saß.

Er dachte nach. Über JavaScript, über seine letzte Beziehung, die mehr in WhatsApp-Stickern als in echten Gesprächen stattfand. Über das letzte Mal, als er geweint hatte – was vermutlich nicht mal über ein echtes Ereignis war, sondern bei irgendeiner Netflix-Serie mit künstlicher Musikdramaturgie.

Und dann lachte er. Leise. Kurz. Irritiert.

War das der Anfang? Oder das Ende?

In seinem Kopf ploppte ein Gedanke hoch, ganz wie ein ungewolltes Pop-up-Fenster: Vielleicht ist Offline der neue Luxus.

Vielleicht war es das, was ihm gefehlt hatte. Nicht ein besserer Job. Nicht mehr Geld. Nicht das nächste Framework oder ein vierter Monitor mit Curved Display. Sondern das hier: Raum. Zeit. Langsamkeit. Stille, die nicht sofort ausgefüllt werden muss.

Joshua blieb noch lange auf der Bank sitzen. Und irgendwann, als die Sonne langsam unterging und der Himmel aussah, als hätte jemand aus Versehen das Blaulichtfilter-Overlay deaktiviert, fühlte er etwas, das er nur noch aus Kindheitstagen kannte.

Frieden.

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