Eine Haltestelle im Sommer

Sie standen da, in der Nähe der Bushaltestelle „Kindergarten“. Quatschten, rauchten, alberten rum. Ein Nachmittag wie jeder andere. Die Luft eine Mischung aus Abgasen, Zigarettenrauch und dem letzten Rest Sommer, der sich nicht verabschieden wollte.

Morgen würde die Schule wieder anfangen. Keiner sprach es aus, aber man sah es an ihren Blicken. Sie hatten sich vermisst. Sechs Wochen ohne Grund, sich jeden Morgen aus dem Bett zu quälen. Ohne die Flure, ohne die Pausen, ohne einander. Der Unterricht selbst – lästiges Beiwerk zwischen den eigentlich wichtigen Momenten. Fünfundvierzig Minuten, die man absaß, damit der Rest sich lohnte.

Sie hatten sich zufällig getroffen. Die einen kamen aus dem Musikgeschäft, Kopfhörer noch auf den Ohren, das neueste HipHop-Album im Kopf. Die anderen vom Basketballcourt, verschwitzt, immer noch am Trashtalk. Der Rest hing einfach so rum. Also standen sie da. Gras kreiste, Witze flogen, die Zeit verging.

Und dann lief sie an ihnen vorbei.

Unscheinbar. Vorsichtig. Einen kleinen Bogen um die Gruppe, als wollte sie nicht stören. Sie stellte sich an die Haltestelle und schaute auf den Fahrplan, wie jemand, der genau weiß, wann der Bus kommt.

Fast hätte er sie nicht bemerkt. Aber etwas an der Art, wie sie sich bewegte, zog seinen Blick aus dem Augenwinkel. Er drehte den Kopf. Sie sah ihn an.

Dunkle Augen, ruhig und wach. Ein Gesicht, das er noch nie gesehen hatte und das ihm trotzdem vertraut vorkam. Als hätte er sie aus einem Traum wiedererkannt, den er längst vergessen glaubte. Ihr Blick hielt seinen fest, ohne zu fordern, ohne auszuweichen. Da war etwas Warmes darin, etwas Geborgenes, das nicht hierher gehörte – nicht an diese Haltestelle, nicht in diesen Nachmittag, nicht in sein Leben. Wie ein Fenster, das sich für einen Atemzug öffnete, und dahinter lag etwas, das sich anfühlte wie Ankommen.

Dann lächelte sie. Kurz, fast beiläufig, als teilte sie ein Geheimnis, das nur sie beide verstanden. Und schaute wieder weg.

Er war zurück. Jemand sagte etwas Lustiges, die anderen lachten. Er lachte mit, ohne zu wissen worüber.

Aber etwas ließ ihn nicht los. Eine Unruhe, die er so nicht kannte. Ein Nachbild hinter den Augenlidern. Er drehte sich um.

Der Bus näherte sich. Sie stand an der Haltestelle, den Blick die Straße hinunter. Als spürte sie seinen Blick, drehte sie den Kopf. Und wieder dieses Lächeln, diese Wärme. Wie zuvor, nur diesmal langsamer, als wollte sie es ihm mitgeben.

Dann stieg sie ein. Der Bus fuhr mit ihr davon.

Er stand noch da, als die anderen schon weitergegangen waren. Die Straße leer, die Luft wieder nur Abgase und Zigarettenrauch. Der Sommer war vorbei.


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