Gleich
I.
Zweiundzwanzig nach drei.
Der Junge liegt auf dem Teppich und schaut zur Uhr über der Anrichte. Der Sekundenzeiger ist kaputt, glaubt er. Er bewegt sich, aber zwischen zwei Strichen liegt zu viel Platz.
Im Fenster brummt eine Fliege. Immer dieselbe Scheibe, immer dieselbe Stelle. Sie hat den ganzen Nachmittag Zeit. So wie er.
Sein Vater schläft auf dem Sofa, die Zeitung über dem Bauch ausgebreitet wie eine Decke. Sie hebt und senkt sich rhythmisch zu seinem Atem. Aus der Küche das Klappern von Geschirr. Draußen liegt der Garten in einer Hitze, die nichts von ihm will.
Er hat schon alles gemacht.
Er hat die Legosteine erst nach Farben sortiert, dann nach Größe, dann wieder auseinander. Er hat drei Seiten in einem Buch gelesen, dessen Ende er bereits kennt. Er hat den Fernseher angeschaltet und wieder aus. Er hat auch schon gefragt, ob sie ins Schwimmbad fahren.
Gleich, hat seine Vater gesagt.
Gleich ist kein Zeitpunkt. Gleich ist ein Zimmer, in dem man sitzt und wartet, dass jemand die Tür aufmacht.
Sechsundzwanzig nach drei.
Er geht in den Garten, weil im Garten vielleicht etwas ist. Im Garten ist aber nichts anders. Das Gras piekst, die Luft riecht nach heißem Stein und nach dem Zeug, das der Nachbar auf seine Rosen sprüht.
Am Stamm des Kirschbaums hängt ein Tropfen Harz. Honigfarben, warm, weich wie Kaugummi. Eine Ameise steckt darin. Schräg, ein Bein noch frei.
Der Junge hockt sich davor. Er wartet, dass sie es schafft.
Die Ameise bewegt sich nicht. Vielleicht doch, aber so langsam, dass man es nicht sehen kann. Er drückt mit dem Fingernagel gegen das Harz. Es gibt nach und kommt zurück. An seinem Finger bleibt ein klebriger Faden zurück.
Er zählt bis hundert. Dann noch einmal bis hundert.
Als er wieder hineingeht, ist es zwanzig vor vier.
Zwanzig vor vier, und bis zum Abendessen sind es zwei Stunden, und bis zum Schlafengehen fünf, und bis zu den Ferien neunzehn Tage. Neunzehn Tage sind kein Zeitraum. Neunzehn Tage sind eine Landschaft, durch die man zu Fuß muss.
Wenn er groß ist, wird er selbst entscheiden, wann etwas passiert.
Er legt sich zurück auf den Teppich. Die Fliege brummt. Der Zeiger hängt.
II.
Kalenderwoche 34.
Er wusste, welche Woche es war, weil die Wochen in seinem Kalender nummeriert waren. Ohne die Nummern hätte er es nicht sagen können. Woche 34 sah aus wie Woche 33, nur mit anderen Ziffern in den Kacheln.
Der Tag begann um sechs. Um halb neun war er vorbei. Nicht zu Ende. Nur vorbei.
Jour fixe, Statusrunde, ein Termin zur Vorbereitung eines Termins. Eine Eskalation, die keine war. Eine Frage, die eine Aufgabe war. Eine Aufgabe, die zwei neue Fragen warf.
Zwischen zwei Meetings lagen manchmal vier Minuten. Er hatte gelernt, in vier Minuten zu essen, zu antworten, ein Leben zu führen.
Er hetzte nicht. Das war das Perfide daran. Von außen sah es aus wie Souveränität.
Freitag. Dann Montag. Irgendwann hatten die Wochen aufgehört, einzeln zu sein.
Dass Sommer gewesen war, merkte er im Baumarkt, wo schon die Lichterketten in den Regalen lagen.
Wo war der Juni geblieben? Er musste ihn gehabt haben. Er war jeden Tag aufgestanden, es gab Fotos. Aber es gab nichts, woran man ihn hätte festmachen können. Nur Kacheln. Nur erledigte Kacheln.
Als er nach Hause kam, saß sein Sohn auf der Treppe vor der Tür.
Papa, guck mal.
In der Hand hielt er einen Stock. Am Stock klebte etwas Honigfarbenes.
Gleich, sagte er. Und hörte, wie es klang.
Er trug die Tasche hinein, stellte den Laptop auf den Tisch, klappte ihn auf, weil da noch drei Mails waren, die keine drei Minuten dauern würden. Sie dauerten vierzig.
Als er wieder hinausging, war es dunkel. Er hatte nicht gesehen, wie es dunkel geworden war. Der Stock lag auf der Treppe. Der Junge saß drinnen am Tisch und aß.
Er hob den Stock auf und drehte ihn im Licht der Außenlampe.
Das Harz war noch weich. Es gab nach unter dem Fingernagel und kam zurück.
Harz braucht Millionen Jahre, bis Bernstein daraus wird. Das hatte er einmal gelesen, als Junge, an einem Nachmittag, der nicht vergehen wollte.
Millionen Jahre.
Damals war ihm das lang vorgekommen.
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