Wie immer wurde nichts entschieden

Mittwoch, kurz nach zehn. Der Konferenzraum im neunten Stock, Glas auf drei Seiten, draußen ein Himmel von der Farbe alter Spülschwämme. Die Klimaanlage summte, immer noch zu laut. Niemand hatte etwas dagegen unternommen.

Er saß auf seinem üblichen Platz, rechts vom Fenster, dritter Stuhl von hinten. Vor ihm das Notebook, daneben der Kaffee aus dem Vollautomaten im Foyer, der nach gar nichts schmeckte. Er hatte schon zweimal genippt, ohne es zu merken.

Die Agenda war auf Folie drei. Personalien.

„Ach übrigens“, sagte Henkel und lehnte sich zurück, als hätte er gerade etwas Lustiges gehört, „die Marie hat gekündigt. Habt ihr’s schon mitgekriegt?“

Ein paar Köpfe drehten sich. Andere blickten weiterhin auf ihr Notebook ohne von ihren Emails aufzusehen. Der Raum war zu groß für reale Reaktionen.

„Marie aus dem Controlling?“

„Nein, die andere. Marketing.“

„Ach ja. Ich wusste garnicht, dass die noch da ist.“

Henkel grinste. „Das Beste kommt noch. Wisst ihr, was sie jetzt macht?“

Schweigen, eine Mischung aus gespielter Neugier und Desinteresse. Henkel ließ die Pause wirken. So machte er das immer.

„Café aufmachen. In Tübingen oder so. Aber nicht irgendein Café. Ein soziales Café. Wo sich Alte und Junge treffen sollen. Gegen Einsamkeit. Steht so im LinkedIn-Post.“

Jemand lachte. Kurz, trocken. Dann lachten andere mit, weil das Lachen schon im Raum war und niemand der Erste sein wollte, der nicht mitlachte.

„Gegen Einsamkeit“, wiederholte Henkel. „Also bitte.“

„Wovon lebt die denn?“

„Förderprogramm angeblich. Und Crowdfunding.“

„Na dann viel Glück.“

Wieder dieses Lachen. Es legte sich auf den Tisch wie eine dünne Schicht Staub.

Er lachte nicht. Er hatte den Mund halb geöffnet und wieder geschlossen. Er sah auf seinen Notizblock. Da stand nichts. Nur das Datum, oben rechts, in seiner ordentlichen Handschrift.

Marie. Er konnte sich kaum an ihr Gesicht erinnern. Eine Junge, vielleicht Ende zwanzig, dunkle Haare, eine Brille, die zu groß war für ihr Gesicht. Sie hatte ihn mal im Aufzug gegrüßt. Er hatte zurückgegrüßt und ihren Namen nicht gewusst.

Und jetzt machte sie ein Café auf. Gegen Einsamkeit.

Henkel war schon weiter. Folie vier, irgendwas mit Q1-Kennzahlen. Stimmen, Stimmen, eine Diskussion über Forecast-Abweichungen, jemand teilte den Bildschirm. Er sah hin, ohne zu sehen.

Sie hat ja nichts zu verlieren.

Der Gedanke kam aus dem Nichts.

Sie ist allein. Keine Hypothek, kein Auto, das geleast ist. Wahrscheinlich noch nicht mal eine Eigentumswohnung. Sie steht am Anfang. Sie kann sowas machen. Sie kann scheitern und es passiert nichts. Sie zieht zurück zu den Eltern oder bewirbt sich woanders, mit einem netten Storytelling-Bonus. Gescheiterte Gründerin, das macht sich gut auf LinkedIn. Das ist heute fast besser als Erfolg.

Er nickte zu irgendwas, das jemand am anderen Ende des Tisches gesagt hatte.

Ich dagegen.

Ich dagegen.

Was eigentlich. Er versuchte den Satz zu Ende zu denken. Er kam nicht weit.

Das Haus im Grünen. Die Rate, jeden Monat. Anjas Pferd, das im Stall stand und Geld kostete, ohne dass sie noch oft hinfuhr. Die zwei Wochen Toskana im September, längst gebucht. Der Audi, den er eigentlich nie wollte und der jetzt in der Garage stand und drei Jahre lang abbezahlt werden musste. Das Smartphone-Abo. Der Streamingdienst. Der Personal Trainer, den er sich zum Geburtstag geschenkt hatte und zweimal in Anspruch genommen.

Was er aufgeben müsste. Ein ganzes Leben.

Was sie aufgegeben hatte. Eine Stelle. Mehr nicht.

Er trank einen Schluck Kaffee. Kalt und geschmacklos.

Aber sie hat ja auch keine Verantwortung.

Ich habe Mitarbeiter. Vierzehn Stück. Die hängen an mir. Ich kann nicht einfach. Es geht ja nicht nur um mich.

Wann hatte er das zum letzten Mal geprüft. Ob die wirklich an ihm hingen. Oder ob er das nur dachte, weil es bequemer war und er seinem Ego nicht widersprechen wollte. 

Henkel sagte etwas über Synergien. Jemand zeichnete ein Diagramm in die Luft.

Und Anja. Was würde Anja sagen.

Er wusste es nicht. Er wusste nicht mehr, was Anja zu so etwas sagen würde. Sie hatten lange nicht mehr darüber gesprochen, wer sie eigentlich sein wollten. Sie sprachen über den Termin beim Steuerberater, über das nächste Wochenende oder die kaputte Spülmaschine. Sie funktionierten gut. Sie funktionierten so gut, dass er manchmal nicht mehr wusste, ob sie noch lebten oder nur noch liefen.

Marie. Er stellte sich Marie in einem leeren Ladenlokal vor. Mit einem Pinsel in der Hand, alte Jeans, Farbe an den Fingern. Vielleicht ein Radio im Hintergrund. Eine Tasse Kaffee auf einem Bock aus rohem Holz. Sie würde lachen, wenn jemand die Tür aufmachte und fragte, wann es denn losginge. Bald. Bald.

Wahrscheinlich würde sie scheitern. Wahrscheinlich war die Lage falsch, die Miete zu hoch, die Idee zu naiv. Die Alten kommen nicht. Die Jungen kommen nicht. Es kommen drei Bekannte und ein Journalist von der Lokalzeitung, der einen freundlichen Artikel schreibt, und nach einem Jahr ist Schluss.

Aber sie hätte es versucht. Sie hätte es versucht.

Er spürte etwas in der Brust, das er nicht benennen wollte. Eine unterschwellige Spannung, ein unsichtbares Ziehen. Es war nicht Neid. Neid wäre einfacher gewesen. Neid kannte er.

Champagne-Problems, dachte er. Du sitzt hier in einem klimatisierten Raum, dein Gehalt ist sechsstellig, du hast eine Frau, die dich nicht verlassen hat, ein Haus in einer der ruhigsten Gegenden Deutschlands, und du jammerst innerlich darüber, dass du dich nicht traust, ein Café aufzumachen, das du gar nicht aufmachen willst.

Willst du es überhaupt aufmachen?

Nein.

Was willst du dann?

Die Frage stand da, mitten im Raum, neben dem Beamer-Licht und dem Diagramm in der Luft, und niemand außer ihm sah sie.

Er wusste keine Antwort. Er wusste nur, dass es etwas gab, irgendwo, das er nicht tat. Etwas, das wartete. Etwas, das vielleicht nicht mehr lange wartete. Er war sechsundvierzig.

„So, ich glaube, dann haben wir’s für heute.“

Henkel stand schon, sammelte seine Sachen, klappte das Notebook zu. Stühle wurden zurückgeschoben. Jemand lachte über etwas am anderen Ende. Die Klimaanlage summte weiter.

Er stand auch auf. Mechanisch.

Auf dem Flur, auf dem Weg zurück ins Büro, fiel es ihm auf: Er hatte nicht mitbekommen, was beschlossen worden war. Nicht das Geringste. Die letzte halbe Stunde war an ihm vorbeigelaufen wie ein Zug, in den er nicht eingestiegen war.

Er schüttelte den Kopf, fast lächelnd.

Wie immer, dachte er. Wurde nichts entschieden.

Er ging weiter, den Kaffee noch in der Hand, kalt, halb voll.


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