Warmlaufen

Zehn nach sechs und er war bereits wach. Nicht ausgeschlafen. Wach.

Das war der Unterschied, den ihm nie jemand erklärt hatte. Man konnte wach sein und trotzdem nichts davon haben.

Er blieb liegen und zählte die Risse in der Zimmerdecke, die er längst auswendig kannte. Drei große. Einer davon wuchs. Seit zwei Jahren wuchs er, langsam, aber verlässlich, und damit war er das Einzige in dieser Wohnung, das sich noch entwickelte.

Dann stand er auf, weil Liegenbleiben sich anfühlte wie Verlieren.

Die Maschine gluckerte, spuckte, gab auf. Er wartete, bis der letzte Tropfen fiel. Der erste Schluck war kein Genuss. Er war eine Zündung. Schlüssel drehen, Motor an, auf Drehzahl kommen. Der Rest des Tages würde davon zehren.

Samstag. Der Tag, an dem er alles nachholen würde.

Laufen gehen. Schreiben. Die Steuer. Den Keller. Der Anruf bei seiner Mutter, den er seit drei Wochen vor sich herschob. Die Welt erobern, hatte er es früher genannt, damals, als das noch wie ein Plan klang und nicht wie ein Vorwurf.

Er setzte sich an den Küchentisch. Die Laufschuhe standen im Flur, die Zungen herausgestreckt, seit Dienstag in derselben Position. Der linke leicht schräg, so wie er ihn abgestreift hatte. Man konnte an ihnen ablesen, wann er Mal ein Mensch mit Vorhaben gewesen war.

Draußen wurde es hell. Kein Sonnenaufgang, eher ein Nachlassen der Dunkelheit. Novembergrau, das sich über die Dächer legte wie ein feuchtes Handtuch. Die Heizung knackte. Der Kühlschrank sprang an, brummte, verstummte.

Er trank.

Am Handgelenk vibrierte es. Zeit, dich zu bewegen. Und darunter, kleiner: Gestern hast du dein Ziel nicht erreicht. Heute ist ein neuer Tag!

Ein Ausrufezeichen. Von einer Uhr.

Er wischte es weg.

Irgendwann startete er einen Podcast, weil Stille sich nach Anklage anfühlte. Ein Mann mit sehr klarer Stimme erklärte, dass die ersten drei Stunden des Tages über alles entscheiden. Win the morning, win the day. Er hörte bis Minute sechs, dann drehte er das Handy um, mit dem Display nach unten, als könnte man einen Vorwurf ersticken.

Halb neun, eine zweite Tasse Kaffee.

Er hatte einmal gelesen, dass Koffein gar nicht wach mache. Es blockiere nur die Rezeptoren, die einem melden, dass man müde ist. Der Müll wird nicht abgeholt. Es wird nur das Schild abgehängt, auf dem steht, dass er da ist.

Er hatte den Artikel damals interessant gefunden. Er hatte nichts geändert.

Gegenüber wusch Herr K. sein Auto, wie jeden Samstagvormittag. Eimer, Schwamm, das kurze Aufblitzen der Sonne im nassen Lack. Herr K. war siebzig und hatte einen Plan für seinen Tag. Danach würde er den Rasen mähen, obwohl der Rasen im November nicht wächst. Aber es ging nicht um den Rasen.

Er sah ihm eine Weile zu, wie man einem Naturfilm zusieht. Fremde Spezies. Beeindruckende Motorik.

Dann setzte er sich an den Schreibtisch, weil er ja schreiben wollte, schon immer, und wenn nicht jetzt, wann dann.

Er schrieb einen Satz. Las ihn und löschte ihn wieder. 

Der Cursor blinkte weiter, geduldig, unbestechlich. Wie ein kleines schwarzes Metronom für nichts.

Hatte er eigentlich noch etwas zu sagen? Oder hatte er nur einmal etwas zu sagen gehabt und war seitdem damit beschäftigt, sich daran zu erinnern? Und wenn er wirklich schreiben wollte, warum saß er dann hier und nicht dort? War es Angst oder war es einfach nur Bequemlichkeit, und war das am Ende nicht dasselbe, nur mit besserem Ruf?

Er stand auf und machte den dritten Kaffee.

Mittags war die Wohnung warm und die Luft abgestanden, ein Geruch nach Bettwäsche, Filterpapier und altem Kaffeesatz. Er hätte lüften können. Er dachte es sogar, dachte es zweimal, wie man an eine Erledigung denkt, die man auf eine Liste schreiben müsste, um sie nicht zu vergessen.

Um zwei stand er im Flur.

Die Jacke in der Hand. Der Griff kalt unter den Fingern. Zwölf Grad, hatte die App gesagt, trocken bis vier. Zwei Stunden Zeitfenster, mehr als genug. Der Wald begann hinter dem Gewerbegebiet, dreihundert Meter, er kannte den Weg im Schlaf, feuchtes Moos, Nadeln, dieser dunkle, ruhige Geruch, den es in der Wohnung nicht gab und den er jedes Mal vermisste, sobald er zurück war.

Er stand da und wartete darauf, dass ihn etwas anschob. Aber das war nichts. 

Er hängte die Jacke zurück.

Man muss sich warmlaufen, hatte sein Trainer früher gesagt, sonst reißt was.

Er lief sich warm. Seit Jahren.

Der Rest des Nachmittags verging in Zeitlupe. Video, nächstes Video, ein Rezept, das er nie kochen würde, ein Trainingsplan für Menschen mit einem Leben. Die Beine schwer, das Genick steif, im Rücken dieses dumpfe Ziehen vom Sitzen und vom Nichtstun, das sich anfühlt wie Muskelkater, nur ohne den Stolz.

Draußen wurde es dunkel, viel zu früh, wie immer im November. In den Fenstern gegenüber ging das Licht an, eins nach dem anderen, kleine warme Rechtecke voller Leute, die etwas taten.

Er machte kein Licht. Er saß in der blauen Helligkeit des Bildschirms und rührte sich nicht.

Um kurz nach neun stellte er den Wecker. Sonntag, halb sieben. Laufen. Danach schreiben. Ein Plan, ordentlich, machbar, ambitioniert, aber nicht überzogen. Er formulierte ihn im Kopf so sorgfältig wie ein Projektziel.

Er wusste, dass er ihn nicht einhalten würde. Es war trotzdem der beste Moment des Tages.

Auf dem Weg ins Bad kam er an den Laufschuhen vorbei. Der linke stand immer noch schräg.

Er ließ ihn stehen.

Der Motor lief die ganze Nacht. Er kam nur nirgendwo an.


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