Jökulsárlón

Wir waren erst unten gewesen. Am Strand. Das Eis lag dort wie verstreut, einzelne Brocken auf schwarzem Sand. Manche kunstvoll ausgestellt wie beim Juwelier, andere dem Zufall überlassen, quer über den Strand. Das Meer hatte sie hergebracht und wieder zurückgelassen. Manche waren klein wie Fäuste, andere groß wie Tische. Alle durchsichtig, mit Adern und Einschlüssen, mit Blasen, die vor Jahrhunderten eingeschlossen worden waren. Wir gingen von einem zum nächsten. Wir machten Fotos. Sie lachte über eines, das aussah wie ein schlafendes Tier.

Es war fast Mitternacht. Das Licht war da, dieses Licht, das es bei uns nicht gibt. Kein Abend, keine Dämmerung. Etwas dazwischen, das keinen Namen hat.

Wir waren glücklich. Das ist ein Wort, das man selten so einfach hinschreiben kann. Aber wir waren es. Die Kälte, das Meer, das absurde Licht, die Schönheit dieser Steine aus Eis, die gleich wieder schmelzen würden. Alles war richtig.

Dann gingen wir hoch.

Der Weg führte vom Strand weg, eine kleine Anhöhe hinauf, dorthin, wo die Lagune begann. Von hier aus sollte man den Gletscher sehen. Man sah ihn aber nicht. Der Nebel kam vom Meer, in Schichten, in langsamen Bahnen, und legte sich über alles, was wir gekommen waren zu sehen. Wir sahen die Lagune. Wir sahen das Wasser, dunkel und still. Aber dahinter: nichts. Nur Weiß, das in mehr Weiß überging.

Sie stand neben mir, die Hände in den Jackentaschen. Wir sagten nichts. Wir warteten, ohne genau zu wissen, worauf.

Manchmal liest man, dass Reisen das Sehen schärft. Es stimmt nicht ganz. Reisen schärft das Warten. Man steht an Orten, an denen etwas sein soll, und hofft, dass es erscheint.

Dann klarte es auf.

Es ging schnell. Schneller als man denkt. Der Nebel zog sich zurück, nicht gleichmäßig, sondern in Streifen, als würde jemand einen Vorhang aufziehen, der irgendwo hakt. Und dahinter, plötzlich: der Gletscher.

Er war größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Das ist nicht das richtige Wort. Er war anders groß. Eine Größe, die mit den Maßen, die wir kennen, nichts zu tun hatte. Die Sonne stand tief und traf ihn von der Seite, und das Eis nahm dieses Licht auf und gab es weiter, in einem Blau, das ich nicht kannte.

Ich hörte sie neben mir den Atem anhalten. Oder ich tat es selbst, ich weiß es nicht mehr.

Wir standen lange.

Erst dann sah ich die Schilder.

Sie waren niedrig, aus Holz, schlicht. Auf jedem stand eine Jahreszahl. 2010. 2005. 1995. 1980. Sie markierten, wo das Eis einmal gewesen war. Man konnte es abgehen. Man konnte die Schritte zählen.

Ich zählte sie nicht. Aber jemand hatte das getan, jemand hatte vermessen, jemand hatte die Pfosten in den Boden gerammt, irgendwann, in einer kleinen Geste gegen das, was hier verschwand. Eine bürokratische Trauerarbeit. Sehr nordisch, dachte ich. Sehr genau.

Wir gingen ein paar Meter. Dann noch ein paar. Die Jahre lagen unter unseren Füßen wie eine Treppe, die nirgendwohin führte.

Die Freude von vorhin war nicht weg. Sie war noch da, irgendwo unter der Jacke, unter den Fotos, die wir gemacht hatten. Aber sie hatte etwas dazubekommen, etwas, das nicht dazugehörte und das sich nicht mehr trennen ließ. Wir waren leiser geworden. Wir hatten es nicht gemerkt.

Sie atmete aus, hörbar. Das war alles.

Auf dem Rückweg kam der Nebel zurück. Er schloss sich hinter uns, wie eine Tür, die man nicht zugemacht hat und die von selbst zufällt. Der Gletscher war wieder weg. Als hätte er sich nur kurz gezeigt, weil er gefragt worden war.

Im Auto war es warm. Sie machte das Radio an, irgendein isländischer Sender, jemand sang etwas, das wir nicht verstanden. Ich fuhr langsam, weil die Schafe nachts auf der Straße standen.

Ich dachte, ich müsste mir das merken. Dann dachte ich, dass ich das jedes Mal denke. Und dass es nie hilft.


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