Der Vortrag
Sie blickte ihn an. Teils erstaunt, teils ungläubig. Woher wusste er so viel und wo nahm er die Zeit her, sich dieses Wissen anzueignen? Sie spürte wieder dieses Unbehagen. Dieses Gefühl der Leere im Magen, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Und doch satt. Es war wie auf der Achterbahn, wenn man kurz nach dem Anstieg und unmittelbar vor dem Sturz in die Tiefe war. Das Unbehagen zwischen Furcht und Vorfreude. Sie saß im Konferenzraum. Teambesprechung. Sie und ihre Kollegen hörten konzentriert ihrem Chef zu. Der Raum war leicht abgedunkelt und man merkte, dass der abendliche Putztrupp schon länger nicht mehr gründlich gesaugt hatte.
Er hatte ihnen gerade etwas am großen Monitor gezeigt und sie war ehrfürchtig erstarrt. Woher wusste er dies alles, aber viel wichtiger, warum wusste sie es nicht? Sie war schließlich älter als ihr Chef und auch schon länger in der Firma. Sie müsste es eigentlich ihm erklären. Aber doch war es genau anders herum. Er ein paar Jahre jünger als sie und vor nicht allzu langer Zeit war er noch der Neue. Sie war damals schon ein paar Jahre dabei. Sie war gut in ihrem Job, so richtig gut, glaubte sie zumindest. Drei Beförderungen, eine Teamauflösung, und jetzt saß sie hier am Tisch und er stand vorne. Er stieg auf, während sie auf der Stelle trat. Dabei mochte sie ihn, das ganze Team mochte ihn. Sie arbeitete gern mit ihm zusammen. Er behandelte sie als gleichwertig. Hatte immer ein offenes Ohr. Aber sie fühlte sich manchmal schlecht neben ihm. Er immer kompetent und selbstsicher. Kein Hauch von Selbstzweifel. Nicht so wie sie. Er war schon richtig in seiner Rolle, sie war einfach nicht so gut wie er. Jedes Mal zeigte er ihr ihre Grenzen auf, ohne es zu beabsichtigen. So blickte sie ihn mit einem Blick an, der Bewunderung, Neid, aber auch Kampfgeist widerspiegelte. Was er konnte, konnte sie doch auch. Sie musste doch nur von ihm lernen. Aber wie? Was war sein Geheimnis?
Er stand vorne und tippte etwas auf seinem Laptop, sein Text groß sichtbar an dem Videomonitor. Er blickte in die Gesichter seines Teams. Sie wirkten einerseits neugierig und konzentriert und doch mit ihren Gedanken woanders. Er spürte wieder dieses Unbehagen im Magen, von dem er dachte, es würde nicht mehr wiederkommen. Doch zuletzt spürte er es wieder deutlicher. Er redete sich ein, es war positive Nervosität. Aber es war lauter als das, es nagte an ihm. Es war Angst. Angst, dass irgendjemand die Wahrheit rausfinden könnte.
Er blickte sich um. Hatten sie ihn nicht verstanden oder war es so trivial, dass es schon beinahe langweilig für sie war? Keine Rückmeldung, keine Frage. Sein Puls erhöhte sich, sein Magen konnte sich nicht entscheiden, ob er zu viel oder zu wenig zu Mittag gegessen hatte. Er versuchte ruhig zu bleiben, er wusste, wovon er sprach. Die Abende und Wochenenden, die er für die Recherche geopfert hatte, sollten doch ausreichend gewesen sein. Vermutlich war er mal wieder zu schnell und hatte sie damit überfordert. Seit einem Jahr war er jetzt ihr Teamleiter und noch immer fragte er sich, wie ihn die Geschäftsleitung nur dafür ausgewählt hatte. Alle im Team waren schon länger dabei als er und sie wussten sehr viel besser Bescheid als er es jemals tun könnte. Er war der Schlechteste von allen und doch war er ihr Chef. Konzentrier dich auf das, was nur du kannst. So, als suchte er Rechtfertigung. Wenn er nur wüsste, was das war. Er fühlte sich wie ein Hochstapler, der keine Ahnung davon hatte, was er da eigentlich immer erzählte. Daher verbrachte er Stunden mit der Vorbereitung, opferte Wochenenden und Urlaubstage für die Recherche, nur um den Rückstand aufzuholen. Aber doch stand er manchmal vor seinem Team und wusste nicht, ob sie ihn nicht verstanden oder nur aus Höflichkeit nichts zu seinen banalen Vorträgen sagten. Schließlich will man es sich ja nicht mit seinem Chef verscherzen, auch wenn er noch so nett ist.
Sie saß ganz am Ende des Tisches und er sah, wie sie ihn ansah. Er konnte ihren Blick nicht deuten. Durchschaute sie ihn? Erkannte sie, dass er ein Schauspieler war, der sich zwar bemühte, aber doch keine Ahnung hatte? Ihre Blicke trafen sich, sie lächelte. Er nickte ihr so dezent zu, dass vermutlich nur er es merkte. Sie musste lächeln, aus Bewunderung. Sein Auftritt war mal wieder perfekt. Die Story und seine Körpersprache. Allein das selbstbewusste Nicken am Schluss. Er wusste einfach, wie man einen Vortrag beendete.
Er drehte sich wieder zu seinem Laptop und klappte ihn zu. „Gut, das war’s. Ich hoffe, ihr konntet etwas für euch mitnehmen. Wir sehen uns dann morgen. Vielen Dank.“ Das Team klatschte, ob aus Mitleid oder Anerkennung, traute er sich nicht zu deuten. Unsicher blickte er sich nochmals um. Er sah sie. Sie lächelte noch immer.
Entdecke mehr von Schmetterlinge im Winterschlaf
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
